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Die '''Menschenwürde''' ist nach moderner Auffassung zum einen der Wert, der ''allen'' Menschen gleichermaßen und unabhängig von ihren Unterscheidungsmerkmalen wie Herkunft, Geschlecht, Alter oder Status zugeschrieben wird; und zum anderen der Wert, mit dem sich der Mensch als Art über alle anderen Lebewesen und Dinge stellt. Als Rechtsbegriff umfasst die Menschenwürde in der deutschsprachigen Rechtsphilosophie und Rechtstheorie bestimmte Grundrechte und Rechtsansprüche der Menschen und ist von der umgangssprachlichen Bedeutung des Begriffes ''Würde'' zu unterscheiden.

Die Menschenwürde ist nach Auffassung von Allgemeingültigkeit zukommt.

Auf ''weltanschaulich-religiöser Ebene'' wird diskutiert, was unter Menschenwürde bei den rechtsethischen Fragen des Lebensbeginns und des Lebensendes verstanden wird. Aus psychologischer Sicht wurde der Begriff der Menschenwürde von dem schweizerisch-amerikanischen Psychiater Léon Wurmser konkretisiert. Er versteht die Scham als Hüterin der menschlichen Würde.

Andere Rechtstraditionen berufen sich oft nicht auf ein Prinzip der ''Menschenwürde'', um Menschenrechte herzuleiten. Sie sehen Menschenrechte an sich als primäres unveräußerliches Gut oder Naturrecht an, oder leiten sie aus anderen Prinzipien her (z.?B. Utilitarismus, Vertragstheorie).

Geschichte

Westlich-abendländische Tradition

Die Idee der Menschenwürde hat historisch tiefreichende Wurzeln. Vorläufer dessen, was heute unter ?Menschenwürde? verstanden wird, finden sich partiell bereits in der römischen Antike, im frühen Judentum und im Christentum. Zu letzteren zählen primär der Gedanke der Gottebenbildlichkeit des Menschen und die daraus folgende fundamentale Gleichheit der Menschen. Der Gleichheitsgedanke manifestierte sich zunächst als ?Gleichheit aller Gläubigen vor Gott?. Bei Paulus kommt diese Vorstellung radikal zum Ausdruck: ?Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ?einer? in Christus Jesus.? (Gal 3,28 f).

Antike

Die griechische Antike (Vorsokratiker, Platon, Aristoteles) kennt den Begriff der Menschenwürde nicht. Geht man davon aus, dass im ''humanum'' ein Ansatz zu suchen sei, dann sieht etwa Aristoteles dies in der Vernunft (logos). Menschenwürde nach dem Verständnis des Grundgesetzes ist jedoch ein Rechtsanspruch. Aus der Tatsache, dass der Mensch ein rationales Wesen ist, folgt für Aristoteles nicht, dass er bestimmte Ansprüche an Andere oder die Gesellschaft hat.

Auch aus der Nikomachischen Ethik lässt sich außer in der Erörterung der zwei Typen der Gerechtigkeit nur schwer ein Begriff der Menschenwürde herauslesen. Im Begriff der distributiven Gerechtigkeit etwa soll dem Einzelnen nach dem Prinzip der Würdigkeit und des Verdienstes zugeteilt werden. Die Würdigkeit bemisst sich danach, was jener für die Gemeinschaft geleistet hat.
Anders sieht dies die römische Antike. Zwei Begriffe spielen dabei eine Rolle.

Grundlegend für den Begriff der ''humanitas'' ist das Werk Ciceros. Dort wird jedoch der Begriff als Unterscheidungskriterium zum Tier, nicht aber als personale Eigenschaft verstanden. Erst mit dem Konzept der ''dignitas'' (= ''Würde, Würdigkeit''). können erste Ansätze zum Begriff der Menschenwürde gesehen werden. Einschlägig hierfür sind Ciceros Werke ''De re publica'' (?Über den Staat?) und ''De officiis'' (?Vom pflichtgemäßen Handeln, Von den Pflichten?).

1) Cicero betrachtet ''dignitas'' als gesellschaftliches Konzept in ''De re publica'' und ''De officiis''
  • als abstufbar. Im Rahmen seiner Verfassungsdiskussion (Königtum oder regnum, Aristokratie oder Demokratie) kritisiert er die Herrschaft des Volkes aus dem Grund, weil dann die Würde unbilligerweise gleichmäßig verteilt sei:
''[?] und wenn alles von einem noch so gerechten und maßvollen Volk geleitet, so ist doch eben die Gleichmäßigkeit unbillig dadurch, dass sie keine Stufen der Würde kennt.'' (Cic.rep. I,43), siehe auch Cic.off. I,42.
  • als abgeleiteten Begriff. Würde ist für Cicero kein unabgeleiteter Begriff, sondern er lässt sich zurückführen auf andere Begriffe wie laus (Lob), honor (Ehre) oder auch gloria (Ruhm). So gibt es für ihn viele Arten von ?Würden? ''(dignitates)'' (vgl. Cic.rep. I,53)
  • als eine unter vielen gleichberechtigten menschlichen Eigenschaften.
  • als eine soziale Relation zwischen Individuum und Gemeinwesen. Diese Dimension bezeichnet die Nützlichkeit ''(utilitas)'' der Taten für die Gemeinschaft. Demnach sind nicht alle Taten nützlich für ein Gemeinwesen und steigern damit auch nicht die Würde des einzelnen. Auch muss die Nützlichkeit dem Urteil der Gemeinschaft überlassen werden.
  • als eine persönlich zu erwerbende Eigenschaft. Würde muss verdient werden

Hieraus wird deutlich, dass Cicero durchaus in der aristotelischen Tradition steht, wonach Würde und Würdigkeit immer bezogen sind auf die persönliche Leistung eines einzelnen für sein Gemeinwesen. Würde muss man sich verdienen und man kann sie verlieren. Für Cicero, der die Leistungen Cäsars anerkannte, war Cäsar sowohl praktisch-politisch wie auch theoretisch ein Problem. Man kann sogar soweit gehen und sagen, dass Cicero seine Ideen an Cäsar geschärft hat. So erkennt er zwar die Leistungen Cäsars für das Gemeinwesen an, nicht jedoch den Schritt Cäsars, als er diese einfordert. ''Dignitas'' ist demnach kein unbedingter Anspruch, dem man aus Leistungen unmittelbar ableiten kann. Cicero weist darauf hin, dass das Gemeinwesen die letzte Urteilsinstanz dafür bleibt und nicht der einzelne. Cäsar hatte mit dem Überschreiten des Rubicon (und der Vertreibung des Senats) etwas eingefordert, was man nicht einfordern kann.

2) Ciceros Konzept einer angeborenen Würde des Menschen in De officiis

Dem gesellschaftlichen Konzept von Würde setzt Cicero ein Konzept von menschlicher Würde entgegen. Diese Würde, so scheint es, kann nicht aberkannt werden. Dort, wo Cicero vom Menschen im Gegensatz zum Tier redet, billigt er allen Menschen eine Würde zu.
''Frage: Marcus, wodurch oder weshalb erhält ein Mensch seine Würde? Cicero: Weil wir alle an der Vernunft teilnehmen, an dieser Vorzüglichkeit, mit der wir die Tiere übertreffen.'' (Cic.off. I,106)
''Frage: Und was muss man tun, um sich diese Würde, die uns als Menschen zuteil wird, zu bewahren? Cicero: Die Lust ist der Vorzüglichkeit des Menschen nicht würdig genug, so dass es nötig ist, sie zu verachten und zurückzuweisen.'' (Cic.off. I,106)

Würde erhält der Mensch demnach, weil er im Gegensatz zum Tier vernünftig ist, und zwar zunächst unabhängig von seinen Leistungen. Er muss sich diese Würde durch ein entsprechendes Verhalten (kein Luxus, keine Prunksucht) aber bewahren. Wie ist das zu verstehen und wie passt das mit Ciceros gesellschaftlichem Konzept von Würde zusammen? Gängige Interpretationen gehen davon aus, dass der Mensch zunächst eine natürliche und mit der Geburt gelieferte (nicht jedoch angeborene, die man ja nicht verlieren kann!) Würde besitzt. Allerdings kann er diese Würde erhalten, vergrößern oder ganz oder teilweise verlieren. Dies hängt ganz von seinen Leistungen ab, wie sie unter 1.) beschrieben wurden. Man könnte dies vergleichen mit einem Glas, das bei der Geburt mit einer bestimmten Menge Flüssigkeit (= ''Würde''). gefüllt ist. Im Laufe des Lebens kann die Flüssigkeit zu- oder abnehmen.

Fasst man die antike Auffassung von Menschenwürde nochmals zusammen, so lässt sie sich auf zwei Eigenschaften reduzieren. Würde ist
  • abstufbar, weil abhängig von den Taten, dem Charakter und der Gesinnung des einzelnen in Bezug auf seine Nützlichkeit für die Gemeinschaft, und
  • veräußerlich, da man seiner Würde verlustig gehen kann, wenn man ''inhonestum'' (Unsittliches) und ''indecorum'' (Ungebührliches) tut.

Damit wird aber auch deutlich, dass in der Antike dort, wo vom Menschen als Gattungswesen der Begriff einer unveräußerlichen Würde/Würdigkeit fehlt, und dort wo von Würde die Rede ist, diese nicht als universeller Anspruch, sondern als persönlicher formuliert ist.

Im frühen Christentum spielt die Menschenwürde eine Rolle, wird aber unterschiedlich verstanden.

Aufklärung

Zu einem umfassenden philosophischen Konzept ausformuliert wurde der Begriff der Menschenwürde aber erst im Zuge der europäischen Aufklärung im 17. und 18.?Jahrhundert.

Samuel von Pufendorf (1632?1694) erklärt:

Damit verbindet Pufendorf die Idee der Menschenwürde mit der Idee der : ''Zivilreligion. Eine Rechtsphilosophie I. Grundlegung: Westlicher ?demokratischer Präambel-Humanismus? und universelle Trias ?Natur, Seele und Vernunft?.'' 3. erheblich erweiterte Auflage, Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin, 2011, S. 50. (open access)</ref>-->

Islam

Im Koran in Sure 70, Vers 17 heißt es: ''?Nun haben Wir tatsächlich den Menschenkindern Würde verliehen ? und sie weit über das meiste Unserer Schöpfung begünstigt.?'' In der zentralen Schöpfungsgeschichte des Korans werden die Engel von Gott angewiesen, sich vor Adam (als dem ersten Menschen und mithin stellvertretend für alle Menschen) niederzuwerfen, nachdem Gott diesem ''?von Seinem Geiste eingehaucht?'' habe, und so zu bezeugen, dass sie die Würde des Menschen achten (siehe z.?B. Koran 7:11; 2:34; 38:72). Satan weigert sich, da er besser sei als der Mensch. Die koranische Botschaft ist klar: Jeder, der sich ggü. seinen Mitmenschen erhöht bzw. diese erniedrigt, wird zu einem Satan.

Buddhismus und Konfuzianismus

Auch außereuropäische Religionen und Philosophien wie der : ''Menschenwürde''</ref>.

Mit Peng-chun Chang war ein Chinese maßgeblich an der Ausarbeitung der ''Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte'' beteiligt, die in der Präambel und in Art.?1 auf die Menschenwürde Bezug nimmt.

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948

Die begegnen.?

Deutsche Geschichte

Weimarer Reichsverfassung

Die Weimarer Reichsverfassung von 1919 bestimmte in Art.?151 zu Beginn des Fünften Abschnitts ?Das Wirtschaftsleben?:
''?Die Ordnung des Wirtschaftslebens muss den Grundsätzen der Gerechtigkeit mit dem Ziele der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle entsprechen.?''

Die Formulierung ging zurück auf Ferdinand Lassalle, den ersten Präsidenten des 1863 gegründeten ''Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins.''<ref name="Wetz">Franz Josef Wetz: ''Die Würde des Menschen: antastbar?''</ref>

Zeit des Nationalsozialismus

Nach der ?n.

Die meisten dieser Gesetze, Befehle und Erlasse wurden von den Alliierten nach 1945 schrittweise aufgehoben. Aber erst in den 1980er Jahren wurden die NS-Gerichtsurteile in ihrer Gesamtheit für nichtig erklärt.

Verfassungen der DDR

Verfassung vom 7. Oktober 1949
Anknüpfend an die Weimarer Reichsverfassung bestimmte Art.?19 (Wirtschaftsordnung) der Verfassung der DDR vom 7. Oktober 1949:<ref name="Wetz" />
''Die Ordnung des Wirtschaftslebens muß den Grundsätzen sozialer Gerechtigkeit entsprechen; sie muß allen ein menschenwürdiges Dasein sichern.''
Verfassung vom 6. April 1968
Art.?19 der Verfassung der DDR vom 6.?April 1968:
  1. Die Deutsche Demokratische Republik garantiert allen Bürgern die Ausübung ihrer Rechte und ihre Mitwirkung an der Leitung der gesellschaftlichen Entwicklung. Sie gewährleistet die sozialistische Gesetzlichkeit und Rechtssicherheit.
  2. Achtung und Schutz der Würde und Freiheit der Persönlichkeit sind Gebot für alle staatlichen Organe, alle gesellschaftlichen Kräfte und jeden einzelnen Bürger. ...

Diese Rechte waren jedoch in der DDR angeblich nicht einklagbar.<ref name="Wetz" />

Aktuelle Entwicklungen

Aufgrund ihrer Herkunft wird die Idee der Menschenwürde von einigen außereuropäischen Kritikern als rein westlich und kulturell gebunden angesehen.

Der Vorstellung der grundsätzlichen Menschenwürde widerspricht die utilitaristische Philosophie. Prominentester Vertreter in der Diskussion der 1980er und 1990er Jahre war der Australier Peter Singer. In seiner Ethik vertritt er ? an Werner Catel und Joseph Fletcher anknüpfend ? die Ansicht, dass Menschenwürde und mit ihr das ?Recht auf Leben auf die Fähigkeit, weiterleben zu wollen, oder auf das Vermögen, sich als kontinuierliches mentales Subjekt zu betrachten, gegründet werden muss?.

Eine philosophische Begründung der Menschenwürde wurde von Vertretern der Diskursethik wie etwa Dietrich Böhler vorgelegt. Dort wird im kritischen Rekurs auf Immanuel Kant die Ansicht vertreten, dass in der Fähigkeit zum Diskurs, zum rationalen Argumentieren bzw. überhaupt zum Äußern einer Position, die selbst Anspruch auf Geltung erhebt, implizit die Verpflichtung zur Anerkennung der Menschenwürde aller möglichen Diskurspartner (aller Menschen) enthalten sei und philosophisch erwiesen werden könne.

In Deutschland kam es in den 1990er-Jahren unter anderem in der politischen Auseinandersetzung um die Gentechnologie, die Abtreibung oder etwa die pränatale Diagnostik zu Diskussionen darüber, wie weit die Menschenwürde reicht. In der Ethik?debatte um das Embryonenschutzgesetz etwa wurde dem menschlichen Embryo ? im Rückgriff auf Kants Definition ? eine personale Menschenwürde, also ein absolutes und unverfügbares Existenzrecht zugesprochen, um ihn jeder technischen und ökonomischen Nutzung zu entziehen. Dieses ''Speziesargument'' ist eines der vier SKIP-Argumente. Hintergrund der Ethikdebatte war die Befürchtung, dass der Mensch nicht nur einer industrialisierten Umwelt ausgesetzt wird, sondern zum Produkt der industriellen Gestaltung des Lebens selbst werden könnte, und seine biologische Ausgestaltung sich letztlich ökonomischen Verwertungsinteressen nicht mehr entziehen könnte.

Menschenwürde bei Kant

''Der Mensch als ?Zweck an sich? darf nie nur ?Mittel zum Zweck? sein.''

Der Philosoph Immanuel Kant hat in seiner ''Grundlegung zur Metaphysik der Sitten'' die Achtungswürdigkeit und die Menschenwürde an sich im weitesten Sinne definiert. Das Grundprinzip der Menschenwürde besteht für ihn in der
  • Achtung vor dem Anderen,
  • der Anerkenntnis seines Rechts zu existieren und
  • in der Anerkenntnis einer prinzipiellen Gleichwertigkeit aller Menschen.

Kant geht davon aus, dass der Mensch ein ''Zweck an sich'' sei und demnach nicht einem ihm fremden Zweck unterworfen werden darf. Das heißt: Die Menschenwürde wird verletzt, wenn ein Mensch einen anderen bloß als Mittel für seine eigenen Zwecke benutzt ? etwa durch Sklaverei, Unterdrückung oder Betrug:

?Die Wesen, deren Dasein zwar nicht auf unserem Willen, sondern der Natur beruht, haben dennoch, wenn sie vernunftlose Wesen sind, nur einen relativen Wert, als Mittel, und heißen daher Sachen, dagegen vernünftige Wesen Personen genannt werden, weil ihre Natur sie schon als Zwecke an sich selbst, d.?i. als etwas, das nicht bloß als Mittel gebraucht werden darf, auszeichnet, mithin so fern alle Willkür einschränkt (und ein Gegenstand der Achtung ist).?

Die Ansichten Kants finden sich heute in der Objektformel wieder, mit der eine Verletzung der Menschenwürde verfassungsrechtlich bestimmt wird. Auf Kant geht auch die Idee von der sittlichen Autonomie des Menschen zurück.

Menschenwürde als Verfassungsprinzip

Die Verfassungen vieler Demokratien schützen Rechte und Freiheiten an sich, ohne Bezug auf ein Prinzip der Menschenwürde. Die Bill of Rights von 1776 beispielsweise benennt als unveräußerliche Rechte ?Recht auf Leben und Freiheit und dazu die Möglichkeit, Eigentum zu erwerben und zu behalten und Glück und Sicherheit zu erstreben und zu erlangen?.

Als (zum Teil oberstes) Prinzip der Verfassungsordnung wird die Menschenwürde in folgenden Mitgliedstaaten der Europäischen Union genannt:<ref name="Wetz" />

Auch in

wird die Menschenwürde als oberstes Prinzip ausdrücklich genannt.

Zudem enthält der Vertrag über eine Verfassung für Europa von 2004, in Teil?I Artikel?I-2, sowie des Vertrags über die Europäische Union den Schutz der Menschenwürde.

Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland

Die Würde des Menschen ist unantastbar (Art.?1 Abs.?1 Grundgesetz)

Wortlaut

Die Achtung der Menschenwürde durch den Staat und seine Vertreter ist in Abs.?1 GG festgeschrieben:

''?Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.?''
Historischer Hintergrund

Die Gewährleistung der Menschenwürde als höchstem Wert der Verfassungsordnung hat kein Vorbild in anderen westlichen Verfassungen. Ihre Einfügung in das Grundgesetz ist als Resultat auf die Erfahrungen der deutschen Geschichte zurückzuführen. Das Grundrecht ist damit als bewusste Reaktion auf die massive Missachtung der ''Würde des Menschen'' durch den NS-Staat zu verstehen. Die damalige Diskriminierung von Juden und Behinderten wurde mit deren angeblich minderwertigem Menschsein begründet.

Dasselbe ist festzustellen bei vielen anderen historischen Menschenrechtsverletzungen (Diskriminierung von Sklaven, Indianern, Frauen oder ungeborenen Kindern). Die Festschreibung der unantastbaren Menschenwürde im Grundgesetz sollte jede Legalisierung des Entzugs der Grundrechte oder Menschenrechte verhindern. Denn Menschenwürde steht jedem Mitglied der menschlichen Familie (''homo sapiens'') in gleicher Weise zu, unabhängig von dessen sonstigen Eigenschaften oder Fähigkeiten. Sie kann demnach nicht gemessen werden, kann weder wachsen noch schrumpfen oder jemandem entzogen werden. Würde Menschsein oder Menschenwürde zur ?variablen Größe? erklärt, dann könnten damit alle Menschenrechte und Grundrechte beliebig relativiert werden. Die Achtung der Menschenwürde ist somit Voraussetzung und Garant für die Geltung aller weiteren Menschenrechte. Da selbst demokratische Mehrheiten gegen derartige Fehlurteile nicht gefeit sind, wurde in der deutschen Verfassung (durch Artikel 79 Abs. 3 GG) ausdrücklich eine Änderung des Gehalts von Artikel 1 GG verboten.

Die Menschenwürde als oberster Wert des Grundgesetzes

Die Menschenwürde ist nach ständiger Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts die oberste Wertentscheidung des Grundgesetzes. Ihre Spitzenstellung wird durch Abs.?1 Satz 2 GG) verletzt werden, den der Mensch als Rechtspersönlichkeit wiederum formulieren kann. Die Menschenwürde als Ausfluss des Menschseins wird geschützt, indem sie vor Verletzungen des Achtungsanspruchs geschützt wird. Positiv formuliert hat der Staat alles zu unternehmen, was die Menschenwürde schützt und gleichzeitig alles zu unterlassen, was die Menschenwürde beeinträchtigt. Damit ist die Menschenwürde ein Abwehrrecht gegen die öffentliche Gewalt und den an den Willensbildungsprozessen beteiligten staatstragenden Organen einerseits und andererseits ein Leistungsrecht. Der Gesetzgeber und die vollziehende Gewalt sind verpflichtet, allgemeinverbindliche Normen zu erlassen, die den Schutz der Menschenwürde bestmöglich gewährleisten. Der Staat und seine Gerichte müssen darauf hinwirken, dass nicht nur die öffentliche Gewalt, sondern auch Dritte die Menschenwürde jedes Einzelnen achten.

Der Begriff der Menschenwürde
Definition des Bundesverfassungsgerichts

Das Bundesverfassungsgericht hat den Begriff der Menschenwürde in einer Mehrzahl seiner Entscheidungen bestimmt.

<blockquote>Mit ihm ist der soziale Wert- und Achtungsanspruch des Menschen verbunden, der es verbietet, den Menschen zum bloßen Objekt des Staates zu machen oder ihn einer Behandlung auszusetzen, die seine Subjektqualität prinzipiell in Frage stellt. Menschenwürde in diesem Sinne ist nicht nur die individuelle Würde der jeweiligen Person, sondern die Würde des Menschen als Gattungswesen. Jeder besitzt sie, ohne Rücksicht auf seine Eigenschaften, seine Leistungen und seinen sozialen Status. Sie ist auch dem eigen, der aufgrund seines körperlichen oder geistigen Zustands nicht sinnhaft handeln kann. Selbst durch "unwürdiges" Verhalten geht sie nicht verloren. Sie kann keinem Menschen genommen werden. Verletzbar ist aber der Achtungsanspruch, der sich aus ihr ergibt.</blockquote>

Das Bundesverfassungsgericht ergänzte 2006 in seinem Urteil zum Luftsicherheitsgesetz 2005:

<blockquote>Das menschliche Leben ist die vitale Basis der Menschenwürde als tragendem Konstitutionsprinzip und oberstem Verfassungswert (vgl. BVerfGE 39, 1 <42>; 72, 105 <115>; 109, 279 <311>). Jeder Mensch besitzt als Person diese Würde, ohne Rücksicht auf seine Eigenschaften, seinen körperlichen oder geistigen Zustand, seine Leistungen und seinen sozialen Status (vgl. BVerfGE 87, 209 <228>; 96, 375 <399>). Sie kann keinem Menschen genommen werden. Verletzbar ist aber der Achtungsanspruch, der sich aus ihr ergibt (vgl. BVerfGE 87, 209 <228>). Das gilt unabhängig auch von der voraussichtlichen Dauer des individuellen menschlichen Lebens (vgl. BVerfGE 30, 173 <194> zum Anspruch des Menschen auf Achtung seiner Würde selbst nach dem Tod).

Dem Staat ist es im Hinblick auf dieses Verhältnis von Lebensrecht und Menschenwürde einerseits untersagt, durch eigene Maßnahmen unter Verstoß gegen das Verbot der Missachtung der menschlichen Würde in das Grundrecht auf Leben einzugreifen. Andererseits ist er auch gehalten, jedes menschliche Leben zu schützen. Diese Schutzpflicht gebietet es dem Staat und seinen Organen, sich schützend und fördernd vor das Leben jedes Einzelnen zu stellen; das heißt vor allem, es auch vor rechtswidrigen An- und Eingriffen von Seiten Dritter zu bewahren (vgl. BVerfGE 39, 1 <42>; 46, 160 <164>; 56, 54 <73>). Ihren Grund hat auch diese Schutzpflicht in Art. 1 Abs. 1 Satz 2 GG, der den Staat ausdrücklich zur Achtung und zum Schutz der Menschenwürde verpflichtet (vgl. BVerfGE 46, 160 <164>; 49, 89 <142>; 88, 203 <251>).

Was diese Verpflichtung für das staatliche Handeln konkret bedeutet, lässt sich nicht ein für allemal abschließend bestimmen (vgl. BVerfGE 45, 187 <229>; 96, 375 <399 f.>). Art. 1 Abs. 1 GG schützt den einzelnen Menschen nicht nur vor Erniedrigung, Brandmarkung, Verfolgung, Ächtung und ähnlichen Handlungen durch Dritte oder durch den Staat selbst (vgl. BVerfGE 1, 97 <104>; 107, 275 <284>; 109, 279 <312>). Ausgehend von der Vorstellung des Grundgesetzgebers, dass es zum Wesen des Menschen gehört, in Freiheit sich selbst zu bestimmen und sich frei zu entfalten, und dass der Einzelne verlangen kann, in der Gemeinschaft grundsätzlich als gleichberechtigtes Glied mit Eigenwert anerkannt zu werden (vgl. BVerfGE 45, 187 <227 f.>), schließt es die Verpflichtung zur Achtung und zum Schutz der Menschenwürde vielmehr generell aus, den Menschen zum bloßen Objekt des Staates zu machen (vgl. BVerfGE 27, 1 <6>); 45, 187 <228>; 96, 375 <399>). Schlechthin verboten ist damit jede Behandlung des Menschen durch die öffentliche Gewalt, die dessen Subjektqualität, seinen Status als Rechtssubjekt, grundsätzlich in Frage stellt (vgl. BVerfGE 30, 1 <26>; 87, 209 <228>; 96, 375 <399>), indem sie die Achtung des Wertes vermissen lässt, der jedem Menschen um seiner selbst willen, kraft seines Personseins, zukommt (vgl. BVerfGE 30, 1 <26>; 109, 279 <312 f.>). Wann eine solche Behandlung vorliegt, ist im Einzelfall mit Blick auf die spezifische Situation zu konkretisieren, in der es zum Konfliktfall kommen kann (vgl. BVerfGE 30, 1 <25>; 109, 279 <311>).</blockquote>

Der Repräsentanz des Menschen im Rahmen aller seiner vorhandenen Qualitäten, begegnet der Staat dadurch, dass er dem Menschen konkret dient. Seine Legitimation zum Handeln oder Unterlassen gegenüber Menschen bezieht der Staat aus der verbrieften Wertordnung des Grundgesetzes, deren oberster Grundwert und Wurzel aller Grundrechte die Menschenwürde ist. Als einziger Verfassungsnorm kommt ihr absolut wirksamer Rechtscharakter zu. Weder kann sie normativ in ihrem Wesensgehalt angetastet werden, noch kann sie beschränkt werden, auch nicht durch andere Grundrechte.

Das Bundesverfassungsgericht bejaht die Grundrechtsqualität des GG, da die Menschenwürde unter der Überschrift vor Art. 1 GG (?Die Grundrechte?) steht. Damit stellt sich das Gericht gegen den Wortlaut des Art. 1 Abs. 3 GG, der seinem Wortlaut nach ?Die nachfolgenden Grundrechte? erwähnt. Uneingedenk des viel diskutierten Wortlauts des Art. 1 Abs. 3 GG, wird Art. 1 Abs. 1 GG selbst Grundrechtseigenschaft zugesprochen, was unmittelbare Bindung der vollziehende Gewalt auslöst. Damit sind alle (einfachgesetzlichen) Bestimmungen im Lichte der Menschenwürde auszulegen, eine Norm ist mithin verfassungswidrig, wenn sie einen Verstoß gegen Art. 1 Abs. 1 GG darstellt. Häufig zieht das Bundesverfassungsgericht Art. 1 Abs. 1 GG im Zusammenhang mit dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht heran. In diesen Fällen stellt sich die Frage der Grundrechtseigenschaft der Menschenwürde ohnehin nicht.

Das Bundesverfassungsgericht teilt die oben bereits dargestellten Feststellungen, soweit sie nicht von ihm selbst konkretisiert worden sind. Im Hinblick auf das Verhältnis von Lebensrecht und Menschenwürde ist es dem Staat untersagt, durch eigene Maßnahmen in das Grundrecht auf Leben einzugreifen und gebietet ihm, sich schützend und fördernd vor das Leben jedes Einzelnen zu stellen und ihn vor rechtswidrigen Angriffen Dritter zu bewahren.

Auch nach der h. M. in der Literatur ist die Menschenwürde das höchste Grundrecht. Grundrechte binden nach Art. 1 Abs. 3 GG alle vollziehende Gewalt. Nach einer Mindermeinung richten sich alle Grundrechte nach der Würde des Menschen aus, weshalb Art. 1 GG die Wurzel aller Grundrechte sei. Alle anderen Bestimmungen sind im Lichte der Bedeutung der Menschenwürde auszulegen, mit der Folge, dass jeder Verstoß gegen die Menschenwürde zur Verfassungswidrigkeit der jeweiligen Norm führt, sofern nicht eine grundgesetzkonforme Interpretation der umstrittenen Norm möglich ist.

Definition in wissenschaftlichen Grundgesetzkommentaren

Maßgebliche Definitionen zum Inhalt des Begriffes Menschenwürde finden sich in den führenden Kommentaren zum Grundgesetz Maunz/Dürig/Herzog/Scholz, Münch/Kunig, Bruno Schmidt-Bleibtreu/Klein, Horst Dreier oder Sachs.

Die frühere, gleichsam : ''Die Garantie der Menschenwürde zwischen metaphysischer Überhöhung und bloßem Abwägungstopos.'' In: ''Archiv des öffentlichen Rechts.'' 130, 2005, S. 71?113.</ref> Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem 2006 ergangenen Urteil zum Luftsicherheitsgesetz den Gedanken nochmals aufgegriffen. Danach ist der Mensch nach der Wertordnung des Grundgesetzes ein Wesen, das ?in Freiheit (über) sich selbst bestimmt.?

Die Menschenwürde versteht sich im Rahmen des Art. 1 GG als ?Wesensmerkmal eines jeden Menschen?, daneben aber auch als Gestaltungsauftrag an den Staat. Adressat der Menschenwürde ist auch jeder Einzelne: Die Annahme sittlicher Autonomie des Menschen führt zum Recht eines jeden Menschen auf freie Entfaltung der Persönlichkeit.<ref name="Hesselberger">Dieter Hesselberger: ''Das Grundgesetz: Kommentar für die politische Bildung'', 13. Aufl., Luchterhand, München/Unterschleißheim 2003, ISBN 978-3-472-05644-7. Art. 1 Rdnr. 2.</ref>

Wesensmerkmal und Gestaltungsauftrag

 GG sieht die Menschenwürde damit zum einen als Wesensmerkmal jedes Menschen, zum anderen als Gestaltungsauftrag an den Staat und im Rahmen seiner sittlichen Autonomie an den einzelnen:

Die Annahme sittlicher Autonomie des Menschen führt zum Recht eines jeden Menschen auf die Sozialsphäre des Menschen, das heißt sein Verhalten in der Öffentlichkeit, die Privatsphäre, die den engeren persönlichen Lebensbereich des Menschen betrifft, insbesondere seine Familie und die menschliche Intimsphäre, Kernbereich aller privater Lebensgestaltung, zu beachten.

Bisweilen wird daraus gefolgert, dass zwischen menschlichen Wesensmerkmalen und dem staatlichen Gestaltungsauftrag ein Spannungsverhältnis bestünde, welches durch die Unantastbarkeit des umfänglichen Rechts sogar noch verschärft würde. Als Wesensmerkmal sei die Menschenwürde einerseits unveräußerlich und (naturrechtlich) vorgegeben, im Rahmen der Wahrnehmung des staatlichen Gestaltungsauftrags müsse sie andererseits erst hergestellt und erworben werden. Wenn die Menschenwürde auf der anderen Seite tatsächlich unantastbar sei, dann bräuchte sie nicht geschützt und geachtet werden. Damit stellt sich dann die Frage, ob im Grundgesetz ein bestehender Sachverhalt formuliert ist (?ist unantastbar?) oder ob das Bestehen des Sachverhalts lediglich suggeriert wird. Nach Dürig wollte das Grundgesetz lediglich unter der Suggestion einer Tatsache eine Forderung von höchster Stärke formulieren. GG sei demnach zu lesen als: Die Menschenwürde eines jeden Menschen darf (von staatlicher Gewalt und anderen) unter keinen Umständen angetastet werden.

Im Grunde wird die Problematik damit nur verschoben, weil implizit eingeräumt wird, dass die Menschenwürde angetastet (und auch eingeschränkt) werden kann. Damit wird jedoch die Auffassung vom Wesensmerkmal verlassen.

Allerdings löst sich dieser scheinbare Widerspruch auf, wenn die beiden Begriffe ?Menschenwürde? und ?Achtungsanspruch? differenziert betrachtet würden: Die Menschenwürde selbst ist als Wesensmerkmal unantastbar und unverletzbar; der daraus resultierenden Achtungsanspruch ist ein Rechtsanspruch mit Gestaltungsauftrag. Letzterer ist sehr wohl verletzbar und deshalb schutzbedürftig. Gefordert wird also ein respektvoller Umgang mit dem Menschen, der dessen Menschenwürde entspricht. Insofern sind Begrifflichkeiten wie die ?Verletzung der Menschenwürde? irreführend, da unvereinbare Begriffe zusammengefasst werden. Richtig, wenn auch komplizierter in der Darstellung, müsste es heißen: ?Verletzung des Achtungsanspruchs der Menschenwürde?. Es müsste auch von ?menschen(würde)verachtender Behandlung? gesprochen werden.

Der Einzelne darf nicht zum bloßen Objekt gemacht werden

Nach der ? (Hrsg.): ''Grundgesetz'', 53. Auflage 2009, Art.?1 Abs.?1 Rn. 33.</ref>

In seiner Entscheidung zum Luftsicherheitsgesetz vom 15. Februar 2006
  1. Unter der Geltung des Abs.?1 GG (Menschenwürdegarantie) ist es unvorstellbar, auf der Grundlage einer gesetzlichen Ermächtigung unschuldige Menschen vorsätzlich zu töten.
  2. Menschliches Leben und menschliche Würde genießen ohne Rücksicht auf die Dauer der physischen Existenz des einzelnen Menschen gleichen verfassungsrechtlichen Schutz.
  3. Zur Erfüllung staatlicher Schutzpflichten dürfen nur solche Mittel verwendet werden, die mit der Verfassung in Einklang stehen.

Ein Verstoß gegen die Menschenwürde ist daher jede quantifizierende Betrachtungsweise menschlichen Lebens, also z.?B. die Abwägung vieler Menschenleben gegen ein einzelnes. Jedes Menschenleben ist gleich wertvoll, jeder Mensch besitzt die gleiche Würde. Jeder einzelne hat daher einen Anspruch, dass sich der Staat schützend vor sein Leben stellt. Es ist unzulässig, menschliches Leben zum Schutz anderer Leben zu opfern, und zwar auch dann, wenn die Betreffenden nach aller Wahrscheinlichkeit nur noch wenige Minuten zu leben haben. Ein solches Vorgehen würde Menschen zum Objekt staatlichen Handelns machen und ihnen damit die Achtung versagen, auf die jeder Mensch Anspruch hat; es würde damit gerade denjenigen Menschen, deren Leben in höchster Gefahr ist, der Schutz, den der Staat ihnen schuldet (vgl. oben), versagt werden.

Anspruch auf rechtliches Gehör, Art.?103 GG

, 95 ? Gehör bei Haftbefehl.</ref>

Sich aus der Menschenwürde ergebende Verbote

Zugleich ergeben sich aus der Menschenwürde Verbote, wie das der entwürdigenden Bestrafung. So ist beispielsweise die Todesstrafe in Deutschland durch Bundesverfassungsrecht abgeschafft ( GG). Dahinter reihen sich Schutzmaßnahmen zur Wahrung der menschlichen Identität, wie das Recht, sich nicht selbst zu belasten, das Verbot des Einsatzes von Lügendetektoren, wenn eine Einwilligung des Betroffenen fehlt oder die Verabreichung eines Wahrheitsserums.

Das Grundgesetz schließt eine erniedrigende Behandlung von Menschen durch staatliche Organe als unvereinbar mit deren Würde aus. Nach der Objektformel darf keine Person zum bloßen Objekt der Staatsgewalt herabgewürdigt werden, insofern ihre Subjektqualität damit infrage gestellt wird (vergleiche Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 15. Dezember 1970).<ref name="Abhörurteil">BVerfG, Urteil vom 15. Dezember 1970, Az.?2?BvF?1/69, 2?BvR?629/68 und?308/69; ? Lebenslange Freiheitsstrafe.</ref>

Auch StPO).

Lockspitzel-Einsatz

Auch der Lockspitzel-Einsatz kann nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts in die Menschenwürde eingreifen.

Genetischer Fingerabdruck / DNA-Identitätsfeststellungsgesetz

Zur Verfassungsmäßigkeit des DNA-Identitätsfeststellungsgesetzes (''DNA-IFG'') siehe die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts. sowie das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung.

Keine Strafe ohne Gesetz

Nach GG.

Prinzipielle Gleichheit aller Menschen

Die Menschenwürde umfasst neben der unveränderbaren Würde des Einzelnen weiterhin die gleichartige Würde aller Menschen, also den Anspruch auf prinzipielle Gleichheit aller Menschen trotz tatsächlicher Unterschiede: Es ist unzulässig jemanden grundsätzlich wie einen Menschen zweiter Klasse zu behandeln. Frauen- und Kinderhandel, Stigmatisierung, Brandmarkung, Ächtung, jede Form der rassisch motivierten Diskriminierung verletzten die Menschenwürde.

Schutzverpflichtung des Staates im Geltungsbereich des Grundgesetzes

Die Schutzverpflichtung des Staates gilt nicht nur gegenüber seinen Bürgern, sondern gegenüber allen Menschen im Geltungsbereich des Grundgesetzes. Das ist auch von praktischer Bedeutung, weil das Grundgesetz natürlich auch für Hoheitsakte deutscher diplomatischer Vertretungen gilt. Wenn z.?B. ein Botschafts-Flüchtling in China das Botschaftsgelände erreicht, wäre die Abschiebung ein Verwaltungsakt für den in vollem Umfang deutsches Verfassungsrecht gilt. Mit der Folge, dass politisch Verfolgte Anspruch auf Asyl haben und nicht ohne förmliches Verfahren nach deutschen Regeln einer fremden Staatsgewalt ausgeliefert werden dürfen. Geltungsbereich des Grundgesetzes ist das Staatsgebiet, also die nach internationalem Recht beanspruchten Küstenstreifen, das Territorium am Boden, in der Luft und das Erdinnere bis zur Erdmitte. Außerdem gilt es für alle Akte deutscher Hoheitsträger und Staatsgewalt, also z.?B. auf Schiffen unter deutscher Flagge, ex-territoriale Einrichtungen der Bundeswehr, aber auch für die Handlung eines (selbst ? nach dortigem Recht ? illegal tätigen) Nachrichtendienstmitarbeiters oder Soldaten im Ausland usw.

Seit November 2013 entwickelt sich in Deutschland eine Debatte um die Schutzverpflichtung in der stationären vom 18. Dezember 2013. (Link geprüft am 31. Dezember 2013)</ref>

Verpflichtung des Staates, das Existenzminimum zu gewährleisten

Das Bundesverfassungsgericht verbindet GG (Sozialstaatsprinzip), um ?die Verpflichtung des Staates herzuleiten, jenes Existenzminimum zu gewähren, das ein menschenwürdiges Dasein überhaupt erst ausmacht?.<ref name="Lebenslang" />

Einsatz des Staates für weltweites Prinzip der Menschenrechte

Das Grundgesetz verpflichtet den Staat darüber hinaus, sich weltweit für das Prinzip der Menschenrechte einzusetzen. In welcher Form und welchem Umfang das geschieht, liegt im Ermessen von Regierung und Gesetzgeber. Die Bundesrepublik ist beispielsweise internationalen Verträgen beigetreten, Mitglied der Vereinten Nationen, Signatarstaat der Europäischen Menschenrechtskonvention und hat sich verpflichtet, Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte zu beachten. Im Inland verpflichtet das Grundgesetz den Staat, privat-rechtliche und öffentlich-rechtliche Vorschriften zu erlassen, die geeignet sind, auch außerhalb der staatlichen Sphäre möglichst effektiv zur Durchsetzung der Menschenwürde beizutragen. Dazu zählen z.?B. gesetzliche Bestimmungen gegen Diskriminierung.

Aus der Würde des Menschen abgeleitete Grundrechte

Das Grundgesetz listet gleich im Anschluss an GG diejenigen Grundrechte auf, die sich aus der Würde des Menschen ergeben, etwa das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, die Gleichheit aller vor dem Gesetz, die Glaubens- und Gewissensfreiheit, die Meinungs- und die Versammlungsfreiheit, das Recht auf Eigentum und Unverletzlichkeit der Wohnung etc.

Postmortale Wirkung
 GG gilt nach herrschender Meinung auch für das Andenken und den Ruf des Toten, hat also eine postmortale Wirkung (siehe: [[Mephisto-Entscheidung]]). Auch nach dem Tod verliert man also nicht den persönlichen Achtungsanspruch.

Die sogenannte Ewigkeitsgarantie
 Abs.?3 GG ist eine ''?Änderung dieses Grundgesetzes, durch welche (?) die in den Artikeln 1 und 20 niedergelegten Grundsätze berührt werden (?) unzulässig.?'' Damit wird der Staatsgewalt die Einflussnahme auf den Kern des Grundgesetzes verwehrt.

Rechtsfälle des Bundesverfassungsgerichts

Das '' 35?36/2011.</ref> Weil Artikel 1 GG durch die Ewigkeitsgarantie in Artikel 79 Absatz 3 GG geschützt ist, hat jede widerspruchsfreie Rechtsprechung des BVerfG in diesem Zusammenhang endgültigen Charakter und kann auch durch den Gesetzgeber nicht aufgehoben werden. Auch wenn dies nicht aus dem Text selbst ablesbar ist, qualifiziert das Bundesverfassungsgericht die Menschenwürde als eigenständiges Grundrecht: ?Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts gehört Art. 1 GG zu den ?tragenden Konstruktionsprinzipien?, die alle Bestimmungen des Grundgesetzes durchdringen. Das Grundgesetz sieht die freie menschliche Persönlichkeit und ihre Würde als höchsten Rechtswert an?.

Zur inhaltlichen Bestimmung des Begriffs der Menschenwürde stellt das Bundesverfassungsgericht fest: ?Menschenwürde? hüten bedeutet, das pathetische Wort ausschließlich in seinem höchsten Sinn zu verwenden, etwa indem man davon ausgeht, dass die Menschenwürde nur dann verletzt ist, wenn die Behandlung des Menschen durch die öffentliche Hand, die das Gesetz vollzieht, Ausdruck der Verachtung des Wertes, der dem Menschen kraft seines Personseins zukommt, also in diesem Sinne eine ?verächtliche Behandlung? ist. Tut man dies dennoch, so reduziert man Art. 79 Abs. 3 GG auf ein Verbot der Wiedereinführung z.?B. der Folter, des Schandpfahls und der Methoden des Dritten Reichs. Eine solche Einschränkung wird indessen der Konzeption und dem Geist des Grundgesetzes nicht gerecht. Art. 79 Abs. 3 GG in Verbindung mit Art. 1 GG hat einen wesentlich konkreteren Inhalt. Das Grundgesetz erkennt dadurch, dass es die freie menschliche Persönlichkeit auf die höchste Stufe der Wertordnung stellt, deren Eigenwert, deren Eigenständigkeit an. Im Soraya-Urteil führt es aus: ?Das Wertsystem der Grundrechte findet seinen Mittelpunkt in der innerhalb der sozialen Gemeinschaft sich frei entfaltenden menschlichen Persönlichkeit und ihrer Würde.?

Im Grundsatz hat das BVerfG die von Dürig in Anlehnung an Kant entwickelte Objektformel uneingeschränkt übernommen. (BVerfGE 109, 279 ? Wohnraumüberwachung, Online-Dokumentation, Rn. 117)

In den folgenden Fällen hat das BVerfG eine Verletzung der Menschenwürde bejaht: (BVerfGE 96, 375, [399 ff.] ? Kind als Schaden)

In Hinblick auf das Asylbewerberleistungsgesetz hat das BVerfG bestimmt, dass die Frage des Existenzminimums nicht vom Status des Anspruchsberechtigten abhängen darf. (BVerfGE 132, 134)
Auch zur Rettung Dritter ist die Tötung Unschuldiger nicht nur eine Verletzung des Grundrechts auf Leben (Art 2 GG), sondern auch eine Verletzung der Menschenwürde. (BVerfGE 133, 241)
Die Verknüpfung des Rechts auf Leben mit der Menschenwürde findet sich auch an anderer Stelle, etwa in der Forderung, dass der Staat bei Gefahr für Leib und Leben eine besondere Schutzpflicht hat: (BVerfGE 39, 42 ff. ? Schwangerschaftsabbruch I).

Menschenwürde als Summe aller Grund- und Menschenrechte

Da es Probleme bereitet, eine abschließende Definition der Menschenwürde zu formulieren, kann man alternativ dazu die Menschenwürde als Summe aller Grund- und Menschenrechte verstehen. Achtung und Schutz der Menschenwürde zielen auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit durch
mit ihren entsprechenden Ableitungen

Italien

 der italienischen Verfassung lautet:

''Die privatwirtschaftliche Betätigung ist frei. Sie darf nicht im Widerspruch zum Allgemeinwohl stehen oder eine Beeinträchtigung der Sicherheit, der Freiheit oder der Menschenwürde des einzelnen mit sich bringen. Zwecks Ausrichtung und Abstimmung der öffentlichen und privaten Wirtschaftstätigkeit auf soziale Ziele werden im Wege von Gesetzen geeignete Wirtschaftspläne und Maßnahmen der Wirtschaftskontrolle festgelegt.''

Schweiz

 der [[Schweizerischen Bundesverfassung]]:

''Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen.''

Vorschriften bezgl. Schutz der Menschenwürde sind zudem noch in den (''Fortpflanzungs-Medizin und Gentechnologie im Humanbereich'') der BV zu finden.

Republik Südafrika

 (Human dignity) der Verfassung der Republik Südafrika gibt jedermann das Recht auf Achtung und Schutz seiner Menschenwürde:

''?Everyone has inherent dignity and the right to have their dignity respected and protected.?''

Europäische Grundrechtecharta von 2009

Die Sätze zwei bis vier der Präambel der Grundrechtecharta der Europäischen Union von 2009 lauten:
''?In dem Bewusstsein ihres geistig?religiösen und sittlichen Erbes gründet sich die Union auf die unteilbaren und universellen Werte der Würde des Menschen, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität. Sie beruht auf den Grundsätzen der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit. Sie stellt die Person in den Mittelpunkt ihres Handelns, indem sie die Unionsbürgerschaft und einen Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts begründet.?''

Siehe auch

Literatur

Einführungen

  • Dietmar von der Pfordten: ''Menschenwürde'' (=?''C.H. Beck Wissen''). Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-68837-9.
  • Peter Schaber: ''Menschenwürde'' (=?''Grundwissen Philosophie''). Reclam, Ditzingen 2012, ISBN 978-3-15-020338-5.
  • Paul Tiedemann: ''Was ist Menschenwürde? Eine Einführung.'' Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006, ISBN 3-534-18254-5.

Philosophie der Antike

Aufklärung

  • .''

Deutsche Klassik

Aktuelle Publikationen

  • Manfred Baldus: ''Kämpfe um die Menschenwürde ? Die Debatten seit 1949'', Suhrkamp, Frankfurt am Main 2016. ISBN 978-3-518-29799-5.
  • Christine Baumbach, Peter Kunzmann (Hrsg.): ''Würde ? dignité ? godno?? ? dignity. Die Menschenwürde im internationalen Vergleich'' (=?''Ta ethika'' 11). Herbert Utz Verlag, München 2010, ISBN 978-3-8316-0939-0.
  • Heiner Bielefeldt: ''Auslaufmodell Menschenwürde? Warum sie in Frage steht und warum wir sie verteidigen müssen''. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2011, ISBN 978-3-451-32508-3.
  • Franz-Peter Burkard: ''Würde.'' In: Peter Prechtl, Franz-Peter Burkard (Hrsg.): ''Metzler-Lexikon Philosophie. Begriffe und Definitionen.'' 3., erweiterte und aktualisierte Auflage. Metzler, Stuttgart [u.?a.] 2008, ISBN 978-3-476-02187-8.
  • Christoph Enders: ''Die Menschenwürde in der Verfassungsordnung. Zur Dogmatik des Art. 1 GG'' (=?''Jus publicum'', Band 27). Mohr Siebeck, Tübingen 1997, ISBN 3-16-146813-9 (zugleich: Freiburg (Breisgau), Univ., Habil.-Schrift, 1995/96).
  • Volker Gerhardt: ''Die angeborene Würde des Menschen. Aufsätze zur Biopolitik.'' ParErga, Berlin 2004, ISBN 3-937262-08-3.
  • Rolf Gröschner, Oliver W. Lembcke (Hrsg.): ''Das Dogma der Unantastbarkeit. Eine Auseinandersetzung mit dem Absolutheitsanspruch der Würde'' (=?''Politika'' 2). Mohr Siebeck, Tübingen 2009, ISBN 978-3-16-150019-0.
  • Wilfried Härle, Reiner Preul (Hrsg.): ''Menschenwürde'' (=?''Marburger Jahrbuch Theologie'' 17 = ''Marburger theologische Studien'' 89). Elwert, Marburg 2005, ISBN 3-7708-1279-4.
  • (Hrsg.): ''Historisches Wörterbuch der Philosophie.'' Band 5: ''L ? Mn.'' Völlig neubearbeitete Ausgabe. Schwabe, Basel [u.?a.] 1980, ISBN 3-7965-0115-X, Sp. 1124?1127.
  • Klaus Krämer, Klaus Vellguth (Hrsg.): ''Menschenwürde. Diskurse zur Universalität und Unveräußerlichkeit'' (=?''ThEW'' 8). Verlag Herder, Freiburg 2016.
  • Achim Lohmar: ''Falsches moralisches Bewusstsein. Eine Kritik der Idee der Menschenwürde.'' Felix Meiner, Hamburg 2017, ISBN 978-3-7873-3145-1.
  • Axel Montenbruck: ''Menschenwürde-Idee und Liberalismus ? zwei westliche Glaubensrichtungen.'' 3. Auflage 2016, ISBN 978-3-946234-56-2. (online auf der Webseite der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin)
  • Sascha Müller: ''Menschenwürde und Religion. Die Suche nach der wahren Freiheit ? Metaphysische Wegweiser von Platon bis Hegel'' (=?''Münchner Philosophische Beiträge'', Band 23). Herbert Utz Verlag, München 2012, ISBN 978-3-8316-4150-5.
  • Michael Quante: ''Menschenwürde und personale Autonomie. Demokratische Werte im Kontext der Lebenswissenschaften.'' Felix Meiner Verlag, Hamburg 2010, ISBN 978-3-7873-1949-7.
  • Markus Rothhaar: ''Die Menschenwürde als Prinzip des Rechts. Eine rechtsphilosophische Rekonstruktion.'' Mohr Siebeck, Tübingen 2015, ISBN 978-3-16-153558-1.
  • Peter Schaber: ''Instrumentalisierung und Würde.'' Mentis, Paderborn 2010, ISBN 978-3-89785-711-7.
  • Stefan Lorenz Sorgner: ''Menschenwürde nach Nietzsche. Die Geschichte eines Begriffs.'' Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2010, ISBN 978-3-534-20931-6 (zugleich Diss., Univ. Jena, Diss.)
  • Michael Spieker: ''Konkrete Menschenwürde. Über Idee, Schutz und Bildung menschlicher Würde.'' Wochenschau Verlag, Schwalbach/Ts. 2012, ISBN 978-3-89974-816-1.
  • Philipp Wallau: ''Die Menschenwürde in der Grundrechtsordnung der Europäischen Union'' (=?''Bonner rechtswissenschaftliche Abhandlungen'', NF 4). Bonn University Press u.?a., Bonn [u.?a.] 2010, ISBN 978-3-89971-785-3 (zugleich Diss., Univ. Bonn, 2009).
  • Franz J. Wetz (Hrsg.): ''Texte zur Menschenwürde''. Reclam, Ditzingen 2011, ISBN 978-3-15-018907-8.
  • Franz J. Wetz: ''Illusion Menschenwürde ? Aufstieg und Fall eines Grundwertes''. Klett-Cotta, 2005, ISBN 3-608-94122-3.
  • Reinhold Zippelius: ''Die Garantie der Menschenwürde.'' In: ''Recht und Gerechtigkeit in der offenen Gesellschaft.'' 2. Auflage 1996, Kap. 24, ISBN 3-428-08661-9.

Kommentare

  • , Bonn 2003, ISBN 3-89331-498-9, Art. 1 GG, S. 61 ff.

Online-Audio-Beiträge

  • Menschenwürde ? Ein Gespräch über den Begriff der Menschenwürde mit Peter Schaber. Von: Hinterfragt ? Der Ethik-Podcast von Andreas Cassee und Anna Goppel, Ausgabe 5, Dezember 2011.

Weblinks

Einzelnachweise

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